Die neueste Ausgabe des Építész Közlöny widmet sich den Räumen der Bewegung: Im Fokus stehen Turnhallen und Sportarenen; anhand realisierter Beispiele werden gestalterische Perspektiven sowie die zentralen Erkenntnisse des Themas vorgestellt. In diesem Themenschwerpunkt ist auch die von uns geplante Multifunktionale Sporthalle Tatabánya vertreten, die seit 2022 als wichtiger Ort für Sport- und Kulturveranstaltungen in Tatabánya betrieben wird. Für die Stadt bedeutete das einen echten Qualitätssprung: zeitgemäße Infrastruktur für große Veranstaltungen, einen stärkeren gemeinschaftlichen Treffpunkt und spürbar mehr eine spürbar größere regionale Sichtbarkeit.

Der Artikel ist hier in der Online-Ausgabe des Építész Közlöny verfügbar.

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Im Folgenden veröffentlichen wir den im Építész Közlöny erschienenen Artikel in voller Länge.

Multifunktionale Sporthalle Tatabánya

Ziel und Konzept der Immobilienentwicklung

Ein größeres Sportzentrum kann den Charakter seiner Umgebung prägen und auch das Stadtbild maßgeblich beeinflussen. Betrachtet man die Geschichte Tatabányas, ist der erste Eindruck von der industriellen Prägung der Stadt bestimmt. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der bergbauliche Charakter zugleich auch die Atmosphäre der Stadt geformt. Infolgedessen schien der Zeitpunkt gekommen, in das Stadtgefüge ein großvolumiges Gebäude zu integrieren, das nicht nur für Tatabánya, sondern auch für die Region neue Perspektiven eröffnet und zugleich eine harmonische Anknüpfung an die historischen Besonderheiten unterstützt. Ziel des 2016 gestarteten Projekts war die Schaffung eines Komplexes, der nicht nur einer einzigen Sportart Raum bietet, sondern mit internationalem technologischem Niveau vielfältige Sportarten ermöglicht (Handball, Tennis, Fechten, Ringen, Leichtathletik, Judo) und darüber hinaus über genügend Flexibilität verfügt, um auch anderen Veranstaltungsformaten (Konzerte, städtische Events) gerecht zu werden.

Das Konzept der Immobilienentwicklung zeigt sich auch deutlich in der Erscheinung des Gebäudes, insbesondere in der Fassadengestaltung. Ein wichtiger Aspekt war, dass Sportveranstaltungen – vor allem solche, die medial übertragen werden – zunehmend nach einem repräsentativen, erlebnissteigernden Erscheinungsbild streben, das sogar die Stimmung der Zuschauer anheben kann. Die eindrucksvolle äußere Hülle in „Kiesel“-Form ist das Ergebnis einer parametrischen Planung: Die komplette 3D-Struktur des Gebäudes musste präzise ausgearbeitet und die unterschiedlich großen Elemente anschließend millimetergenau gefertigt werden. Die das Gebäude umschließende Blechstruktur hebt sich im Eingangsbereich an und macht dadurch die dahinterliegende zusammenhängende Glasfläche sichtbar. Eine Besonderheit der Halle besteht darin, dass sie auch aus der Vogelperspektive ein „Fassadenbild“ zeigt. Diese „fünfte Fassade“ ermöglicht Drohnenaufnahmen und spektakuläre Bilder, die sich insbesondere bei der Übertragung von Sportereignissen ideal eignen. Im Planungsprozess war es interessant, dass auch solche Aspekte berücksichtigt werden mussten – und damit die enge Verbindung zwischen Sport, Architektur und Medien besonders deutlich wird.

Architektonisches und städtebauliches Konzept

Aufgrund der multifunktionalen Ausrichtung fand ein komplexer Planungs- und Ausführungsprozess statt. Neben technologischen und regelungsbezogenen Parametern mussten auch aus Nutzersicht außerordentlich viele Elemente beachtet werden. Angefangen bei der Ankunft von Sportlern und Zuschauern – die aus architektonischer Sicht strikt zu trennen ist – mussten zahlreiche Wegeführungen geplant werden (VIP-Gäste, Sportler, Heim- und Gästefans, Medien) bis hin zur Garderobennutzung, zum Kauf von Speisen und Getränken, zum Erwerb von Fanartikeln im Shop und zur Sicherstellung ausreichender Sanitäranlagen. In der Planung war zudem die Mobilität sowohl der Sportflächen als auch der Tribünen von zentraler Bedeutung. Bewegliche Tribünen und die Umrüstbarkeit der Spielflächen ermöglichen die Durchführung internationaler Veranstaltungen und haben zugleich einen Prozess der städtischen und regionalen Revitalisierung angestoßen.

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Kurzbeschreibung der Entwicklung

Das im Design-&-Build-System realisierte Gebäude ist eine multifunktionale, überdachte Sporthalle, die bis zu 6.000 Zuschauer aufnehmen kann und für internationale Handball- sowie Weltmeisterschaftsveranstaltungen und deren TV-Übertragung geeignet ist. Dazu gehört eine Fechthalle, die auch als Trainingsraum genutzt werden kann und 20 Planchen aufnimmt. Die neue Anlage dient in erster Linie der Vorbereitung und den Spielen der international renommierten erstklassigen Handballmannschaft aus Tatabánya; außerdem fanden hier auch die Ringer- und die Judo-Abteilung ihr Zuhause, während die Fechtabteilung eine eigenständige Fechthalle im Gebäude nutzen kann.

Das Bodenniveau der Kampffläche liegt auf gleicher Höhe wie das der Fechthalle; deren unabhängige Nutzung kann auch zeitgleich mit Handballspielen gewährleistet werden. Die Kampffläche wurde zusammen mit den erforderlichen sportlerspezifischen Neben- und Umkleidefunktionen so angeordnet, dass diese auf ein vorwiegend den Sportlern vorbehaltenes Untergeschoss (–6 Meter) gelegt wurden.

Auf der Südseite des Gebäudes wurde unter den Betreiber- und VIP-Eingängen ein Zwischen-Mezzanin (–3 Meter) ausgebildet. Von einem Seitenflur aus erschließen sich die Betriebsbüros des Gebäudes sowie die Trainer- und Abteilungsbüros.

Auf dem Erdgeschossniveau über dem Mezzanin (0 Meter) wurden die öffentlichen Verkehrsflächen angeordnet. Das beidseitig doppelhohe Foyer sowie Museum, Kassen, Garderoben, Buffets, Sanitärbereiche und kleinere Nebenfunktionen wurden als Publikumsebene konzipiert, die über mehrere, funktional unterschiedliche Eingänge von verschiedenen Seiten erreichbar ist.

Die Foyers im Erdgeschoss (sowie auch außerhalb des Gebäudes) sind fußläufig vollständig umlaufend erschließbar. Von diesem auch im Obergeschoss ausgebildeten inneren Ringkorridorsystem werden die in den unterschiedlichen Sektoren angeordneten Tribünen von oben nach unten erschlossen.

Die Handballspielfelder wurden unter Einhaltung der EHF-Vorgaben geplant. Bei zurückgefahrenen mobilen Tribünen ist die Kampffläche auch für die Aufnahme von zwei quer liegenden Trainings-Handballfeldern dimensioniert. Im Erdgeschoss wurden neben dem Haupteingang für Heimfans mehrere weitere Eingänge mit unterschiedlichen Funktionen vorgesehen, z. B. der Eingang für Gästefans, der Sportlereingang (zugleich für Betrieb und Zugang zu den Abteilungen), der VIP-Eingang sowie ein separater Medieneingang; diese sind entsprechend der internen Funktionsorganisation des Gebäudes angeordnet.

Die Nutzung der Kampffläche ist vielfältig. Neben Sportveranstaltungen ist im multifunktionalen Hallenraum auch mit Konzerten der leichten und ernsten Musik sowie mit Schauspiel- und Tanztheatervorstellungen zu rechnen. Durch eine teilweise Öffnung zwischen Hallenraum und Fechthalle wird die Anlage für Ausstellungen, Messen, Fach-Expos, große Empfänge, Veranstaltungen und Bälle geeignet.

Neben klassischen, vor Publikum ausgetragenen Spielen (wobei eine freie Fläche gemäß EHF von 28×50 Metern sichergestellt wurde) können bei Trainings die entlang der beiden Längsseiten vorgesehenen mobilen Tribünen in eingeschobenem Zustand gehalten werden. In dem dadurch vergrößerten, 64,40 Meter langen freien Raum kann das Spielfeld mittels mobiler Raumtrennung mittig geteilt werden, sodass zwei Handballteams/Altersklassen gleichzeitig auf den quer liegenden Trainingsfeldern trainieren können. Bei Nutzung der Halle für Kampfsportarten (Ringen, Judo) im Rahmen internationaler Wettbewerbe oder regionaler Trainingslager kann aufgrund der voraussichtlich geringeren Zuschauerzahl durch Einschieben der mobilen Sitzplätze die gleichzeitig auslegbare Menge an Tatami- und Ringermatten erhöht werden. Dann wird die Fläche der Fechthalle zum Aufwärmen genutzt. Für die Festlegung der Grundrissabmessungen des Hallenraums wurde vor allem der Platzbedarf der Handballspielfelder aus dem „EHF Arena Construction Manual“ zugrunde gelegt, einschließlich der normgerechten Auslaufzonen. Die lichte Höhe des Hallenraums wurde auf Basis gültiger internationaler (und nationaler) sportartspezifischer Vorschriften festgelegt, die die Wettkampfanforderungen der im Programm definierten Sportarten enthalten. Für die Mehrzwecknutzung beträgt die erforderliche lichte Höhe – freie Abmessung ohne konstruktive Einbauten – mindestens 12,5 Meter.

Das 1. Obergeschoss (+4,5 Meter) auf der Südseite ist in erster Linie den VIP-Gästen vorbehalten, die über einen separaten Eingang sowie Treppen-/Liftanlage, abgeschirmt von der Allgemeinheit, von der der Haupteingangsseite gegenüberliegenden Gebäudeseite ankommen. Die Catering- und Veranstaltungsräume dieser Ebene können auch für andere geschlossene Veranstaltungen (Konferenzen, Vorträge, Feiern usw.) vermietet werden.

Die Südseite des 2. Obergeschosses (+9 Meter) ist den Medienvertretern vorbehalten. Hier können Radio, TV und Journalisten die Spiele auf der Kampffläche verfolgen; auch das Pressezentrum befindet sich auf dieser Ebene. Als eigenständige Einheit kann diese Ebene ebenfalls für andere Veranstaltungen, Konferenzen usw. vermietet werden.

Die das Gebäude umgebenden Fußgängerwege und die oben begrünten „grünen Inseln“ spiegeln in ihrer Form einerseits die Fassadenmotive wider, andererseits markieren sie die Wege zu den Eingängen sowie zurück zu den Durchgängen, die zu den Parkplätzen führen.

Innovative technische und umweltbewusste Lösungen

Die Tragwerksplanung der doppelt gekrümmten, unregelmäßigen „Kiesel“-förmigen, stahlkonstruktiven Dachüberdeckung stellte eine große Herausforderung und eine echte Bewährungsprobe dar.

Aufgrund des Projektumfangs und der Komplexität war bereits zu Beginn klar, dass die Geometrie nur parametrisch beherrschbar ist, da jede im Projektverlauf unvermeidlich auftretende, allgemein gültige Änderung der Geometrie ohne den modellgenerierenden Algorithmus nahezu unbeherrschbar geworden wäre. Der parametrische Modellaufbau ermöglichte neben der flexiblen Geometrieverwaltung auch schnelle Änderungen des Tragwerkskonzepts. Im Projektverlauf konnten zahlreiche Lösungsvarianten ausprobiert werden; bestimmte Ansätze ließen sich ohne großen Mehraufwand testen und bei Bedarf verwerfen.

Für den Aufbau des parametrischen Modells wurden im Projekt das CAD-Programm Rhinoceros und die dazugehörige grafische Programmierumgebung Grasshopper verwendet. Das direkt aus dem parametrischen Modell generierte Tekla-Structures-Modell wurde im Projektverlauf weiter detailliert.

Die Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen erfolgte über IFC-basierten Datenaustausch.

In Zahlen ausgedrückt ist das Ergebnis eindrucksvoll:

  • 780 Tonnen Stahlkonstruktion,
  • 96 individuelle, segmentierte Hauptträger-Fertigteile,
  • 3.337 individuelle, gebogene Pfetten,
  • 7.680 m2 Fassadenfläche,
  • 2.453 individuelle, angepasst eingepasste, geschnittene und markierte U-Profile als Unterkonstruktion für die Bekleidung auf den segmentierten Fertigteilen,
  • 71.287 Tekla-Elemente,
  • 471 Ausklinkungen, Markierungen und Schnitte am komplexesten segmentierten Hauptträger-Fertigungsteil.

Finanzierung sowie Verkauf und Vermietung

Die Investition wurde mit Unterstützung des ungarischen Staates umgesetzt; EU-Mittel wurden im Rahmen der Entwicklung nicht verwendet.

Das Grundstück befindet sich derzeit im Eigentum der Kommune, das Gebäude im Eigentum des ungarischen Staates.

Der ungarische Staat hat die Nemzeti Sportügynökség Nonprofit Zrt. als Betreiberin des Gebäudes benannt.

Durch die multifunktionale Ausgestaltung wird Tatabánya und die Region um Sportveranstaltungen und kulturelle Events bereichert. Hervorzuheben ist, dass die Halle als Hauptaustragungsort der Frauen-Handball-Weltmeisterschaft 2027 ausgewählt wurde. Große internationale Sportereignisse wirken nicht nur an sich positiv auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der gastgebenden Stadt, Region oder des Landes, sondern können auch wesentlich zur langfristigen Wettbewerbsfähigkeit der Gastgeberregion beitragen.

Eckdaten

  • Projektbezeichnung: Multifunktionale Sporthalle Tatabánya
  • Grundstücksfläche: 88 426 m2
  • Bebaute Fläche: 12 236,99 m2
  • Grünfläche: 40 472,94 m2
  • Bruttofläche (in die GFZ-Kennzahl einzurechnen): 21 486 m2
  • Baukosten: 19 030 Mio. HUF
  • Verantwortliche Architektin (Genehmigungsplanung): Annus Marina
  • Verantwortlicher Planer, Baugenehmigung: Páll Ákos
  • Verantwortlicher Planer, Ausführungsplanung: Balogh Ferenc
  • Bauherr: Beruházási, Műszaki Fejlesztési, Sportüzemeltetési és Közbeszerzési Zrt.
  • Generalplaner: CÉH Tervező, Beruházó és Fejlesztő zRt.
  • Ausführende Unternehmen: Fejér-B.Á.L. Zrt. und ÉPKAR Zrt.
  • Betreiber: Nemzeti Sportügynökség Nonprofit Zrt.
  • Fotocredit: Kégl Marcell – CÉH zRt.; ÉPKAR Zrt.

Quelle des Artikels: Építész Közlöny

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